Liebe Jennifer, wir gratulieren zur überaus erfolgreichen Verteidigung deiner Thesis! Wie du in deiner Arbeit feststellt, wurde die Hotelkonzeptentwicklung bisher kaum in der akademischen Literatur berücksichtigt – wieso hast du trotzdem dieses Thema für deine Arbeit gewählt? Was hat dein Interesse geweckt (unabhängig von unserem Mentoringjahr)?
Vielen Dank! Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Kommilitonin, welche mir begeistert über eure Arbeit bei MAp erzählt hat. Mein erster Gedanke war „Hotel concept creators? Sowas gibt’s als Beruf?“ Wie wahrscheinlich viele andere, hatte ich noch nie von Hotelkonzeptentwicklung gehört. Eine bittere Bilanz, wenn man bedenkt, dass die Thematik heutzutage umso wichtiger ist. Die Hotellerie steht schließlich vor völlig anderen Herausforderungen als noch vor 10 Jahren, als Gratis-WLAN als Alleinstellungsmerkmal galt. Während meiner Zeit als Flugbegleiterin hatte ich das Privileg, in vielen namhaften Hotels dieser Welt zu nächtigen. Im Gegensatz zu den Hotelketten, welche für jedes Gästebedürfnis eine passende Marke aus der Schublade ziehen können, müssen unabhängige Hotels ihr „Konzept“ selbst entwickeln. Bereits hier fängt die Komplexität an; Hotelkonzept klingt fancy, jede*r behauptet ein’s zu haben, doch in Wahrheit ist der Begriff abstrakt und schwer zu definieren. Da war also zum einen die Hotelkonzeptentwicklung, welche aus theoretischer Sicht nahezu undefiniert ist und zum anderen die Dringlichkeit für einzigartige und wettbewerbsfähige Hotelkonzepte in der Praxis. Ein Paradox, welches wie geschaffen war für eine Forschungsarbeit ;-)
Du hast es bereits angesprochen, die Hotelkonzeptentwicklung ist ein komplexes Thema. Wie definierst du nach Abschluss deiner Arbeit ein Hotelkonzept? Und wieso hat deine Arbeit ergeben, dass es ein kritischer Erfolgsfaktor für die strategische Entwicklung von Hotels ist?
Die simple Antwort lautet: ein maßgeschneidertes und langfristig-orientiertes Dokument zur strategischen Ausrichtung des Hotelprojektes. Jedoch würde diese Definition dem Begriff „Hotelkonzept“ nicht gerecht werden. Ein Hotel ist weitaus mehr als Gaststube und Übernachtungsmöglichkeit. Es ist ein Ort der Begegnung, Interaktion und Sinneserfahrungen. Ferner ist es aber auch eine Immobilie und ein Geschäftsmodell, wo die Bedürfnisse und Erwartungen verschiedenster Anspruchsgruppen aufeinandertreffen. In der Folge braucht es ein harmonisches Zusammenspiel aus sogenannten harten und weichen Faktoren, um ein stimmiges und ganzheitliches Hotelkonzept zu erarbeiten. Das Hotelkonzept ist wie ein Puzzle. Um es zu lösen, braucht es methodisches Vorgehen und kreatives Vorstellungsvermögen. Konkret bedarf es einer strategischen Grundlage in der Form von Zielformulierung und Identifizierung von Erfolgspotenzialen. Diese ergeben sich aus einer fundierten Analyse zu Markt, Umfeld und Trends. Daraus lässt sich dann ein individuelles Konzept formen, welches Aspekte wie Architektur, Design, Sensorik aber auch die direkten und indirekten Einflüsse auf Mensch und Umwelt berücksichtigt. Das Ergebnis dieses Entwicklungsprozesses ist ein klarer „raison d’être“ FÜR das Hotelvorhaben, welcher auch in Zukunft noch seine Berechtigung hat.
Was war das Ziel deiner Studie und mit welchem Ansatz / welchen Methoden hast du versucht deine Destination zu erreichen?
Obwohl zahlreiche Studien zu Hotelmanagement- und Projektentwicklung existieren, wurde meines Wissens Hotelkonzeptentwicklung in der Theorie wie in der Praxis bisher nur wenig diskutiert. Folglich wollte ich mit meiner Thesis einen kleinen, aber wesentlichen Beitrag zu dieser bestehenden Wissenslücke leisten. Dazu habe ich erforscht, wie die Branche den Begriff „Hotelkonzept“ versteht und wie verbreitet die Hotelkonzeptentwicklung in der Schweizer Ferienhotellerie ist. Zu diesem Zweck führte ich Interviews mit Branchenexpert*innen, Hotelbesitzer*innen- und Manager*innen durch. Den Forschungsfokus richtete ich dabei auf nicht-markenzugehörige Hotels in ländlichen Gebieten. Der exploratorische Charakter meiner Forschung ermöglichte es mir, ein tiefes Verständnis für das Thema zu entwickeln und daraus Erkenntnisse über den Status quo der Hotelkonzeptentwicklung zu gewinnen.
Du hast dich sowohl mit Branchenexpertinnen als auch mit Managern und Besitzern unterhalten: Was hat deine Forschung in Bezug auf die Definition von Hotelkonzepten sowie deren praktische Verwendung ergeben? Und welche Schlüsse hast du daraus gezogen?
Grundsätzlich fiel es allen Befragten schwer, das Hotelkonzept in Worten zu definieren. Das kommt daher, dass ein Konzept häufiger mit einer Idee als mit einem strategischen Dokument in Verbindung gebracht wird. Nicht selten wird daher in der Praxis das Konzept oft als Bestandteil vom Business Plan verstanden. Während die Branchenexpert*innen jedoch grundsätzlich der Auffassung sind, dass ein Hotelkonzept möglichst holistisch sein sollte, so assoziieren die Hotelbesitzer und Managerinnen damit vorwiegend die Vorstellung zu den materiellen und produkt-spezifischen Elementen des Hotels. Beispielsweise nannten sie die außergewöhnliche Innenarchitektur, die Seminarraumausstattung oder das vielfältige gastronomische Angebot als bedeutend für „ihr“ Hotelkonzept. Auffallend war dabei, dass die befragten Hoteliers ihr Konzept basierend auf Erfahrungswerten, Annahmen und aus dem Bauchgefühl entwickelten. Einige gaben sogar ehrlich zu, dass in ihrem Hotel nichts geplant, sondern einfach gemacht wurde. Diese Vorgehensweise ist entgegen der Expertenmeinung und der gegenwärtigen Literatur, welche besagt, dass ein Konzept auf Fakten gestützt sein sollte. In der Folge war es wenig überraschend, dass in den fünf von sechs untersuchten Hotelprojekten kein schriftliches Hotelkonzept mittels einem strategischen Planungsprozesses entwickelt wurde.
Diese Tatsachen deutet stark darauf hin, dass schriftliche Hotelkonzepte in der Schweizer Ferienhotellerie (sofern keine externe Beratungsagentur involviert ist) eher die Ausnahme als die Regel sind. Ich sehe einen möglichen Grund darin, dass in der Hotellerie der Zweck und Nutzen von Hotelkonzepten schlichtweg noch zu wenig bekannt ist.
Was sind die Risiken, welche Hotelbetreibende in Betracht ziehen müssen, wenn sie kein fundiertes Hotelkonzept haben? Und wenn wir die Frage auf die gesamte Hospitality-Industrie ausweiten: Was können wir tun, um die Hotelkonzeptentwicklung mehr in den Fokus der Branche zu rücken?
Hotelprojekte sind meist langjährige, kostspielige und risikobehaftete Projekte. Ich bin der Meinung, wer ein weit entferntes Ziel „ersegeln“ will, braucht Kenntnisse über den richtigen Kurs, um dort auch wirklich anzukommen. Das Steuern „auf Bauchgefühl“ gelingt nur den Wenigsten, daher ist Navigation die einzige Lösung. Ein ganzheitlich erarbeitetes Hotelkonzept ist dieses richtungsgebende Dokument für alle involvierten Anspruchsgruppen. Ohne Hotelkonzept laufen die Beteiligten jedoch Gefahr, den Kurs zu verlieren oder den Richtigen von Beginn an zu verfehlen. Das zeigt sich dann womöglich erst nach der Eröffnung in Form von operativen und finanziellen Schwierigkeiten. Deswegen ist es wichtig, bereits in einer sehr frühen Phase des Hotelprojekts, egal ob Neubau oder Renovation, sich mit dem Hotelkonzept auseinanderzusetzen. Ich sehe hier eine große Chance für Hotelberatungsagenturen aber auch Branchenverbände und Hochschulen, welche das Thema weiter aufgreifen und das nötige Knowhow verbreiten können. Beispielsweise erarbeiten Studierende an der Fachhochschule Graubünden ein Hotelkonzept direkt an einem Fallbeispiel. Als junge Berufsleute können sie mit diesem Wissen neue Anstöße in die Betriebe bringen.
Nach deiner erfolgreichen Verteidigung der Arbeit: Was sind deine Zukunftspläne? Wie möchtest du weiterhin die Hotelbranche verändern?
Ich habe während meiner Forschungszeit große positive Resonanz und Interesse seitens der befragten Interviewpartner erfahren. Das freut mich, weil es zeigt, dass ein Umdenken in der Branche bereits stattfindet. Als Praktikerin ist es für mich aber wichtig, bei all den theoretischen Grundlagen das Verständnis für die täglichen Herausforderungen in der Praxis nicht zu verlieren. Schließlich wollen wir nicht nur Hotelkonzepte, welche auf Papier gut klingen, sondern solche, die auch langfristig im Alltagsgeschäft funktionieren. Das ist eine Gratwanderung, deren ich mich sicherlich auch in Zukunft annehmen werde.
Wie immer, unsere abschließende MAp meets Frage: Was macht für dich persönlich ein wirklich einzigartiges Hotelerlebnis aus?
„Gast“ zu sein ist für mich immer eine sehr persönliche Erfahrung und wird dann unvergesslich, wenn ich mit dem Ort und den Menschen rundherum im Einklang bin. Dabei spielt es keine Rolle, ob Luxusresort oder Guesthouse – denn das Gefühl von „Ankommen“ entsteht bei mir nicht durch Sternekategorien oder Marken, sondern aus dem Herzen.
About Jennifer Renggli:
Jennifer hat ihr Tourismus-Bachelorstudium an der Fachhochschule Graubünden in Chur erfolgreich abgeschlossen und ist gelernte Mediamatikerin. Das Reisefieber hat sie auf ihrem ersten Solo-Trip nach Indonesien ergriffen. Seither hat sie z.B. in den Vereinigten Arabischen Emiraten gelebt und dort für eine internationale Airline gearbeitet. So findet man sie auch oft am Aufschreiben ihrer Reiseerinnerungen in charmanten Kaffeebars.
Nice! This opens up my view of the hotel industry. Many new and previously undiscussed points there!
Thanx, interesting challenging points of interest identified and discussed!